ERWACHSEN WERDEN

Portraits und Interviews
Veröffentlicht auf bento und Spiegel Online, Juni 2018

Zähe Unterrichtsstunden, langersehnte Pausenglocken und Ferien, in denen sich gefühlt das ganze Leben verändern kann – Die Schulzeit fühlt sich ewig an und wenn sie schließlich doch vorbei ist, bleiben viele Momente für immer in Erinnerung. Für manche von uns schienen ihre Zukunftspläne schon klar, andere konzentrierten sich darauf, noch schnell die Hausaufgaben in der Pause abzuschreiben. Denn während der Lehrer den Satz des Pythagoras an die Tafel schrieb, passierten viel interessantere Dinge im Leben: Der erste Kuss, die erste Hausparty und der erste Liebeskummer.

Ich habe Menschen einige Jahre nach ihrem Schulabschluss getroffen und ihre Passfotos aus der Jugend nachgestellt. Ich wollte wissen: Was hast du damals von deinem Leben erwartet, beruflich oder privat – und was ist daraus geworden?

Ricarda, 16 und 26 Jahre
Ich wollte immer Ballett tanzen, aber in der Hinsicht wurde ich von meinen Eltern nicht wirklich gefördert. Mit 16 konnte ich mich endlich durchsetzen und war drei mal pro Woche beim Unterricht. Es machte mir unheimlich Spaß, sodass mir sehr schnell klar wurde, dass ich auch berufich in diese Richtung gehen möchte. Deshalb machte ich nach meinem Abitur eine Ballettausbildung. Das war eine sehr harte Zeit, in der viel Disziplin nötig war. Ich bin froh, die Ausbildung geschafft zu haben, und arbeite nun neben meinem Studium als Ballettlehrerin. Hauptsächlich unterrichte ich die ganz kleinen Kinder und es macht viel Freude, mit ihnen zusammen den eigenen Körper und das Tanzen zu entdecken.

Moritz, 17 und 29 Jahre

Als ich 14 war, habe ich mich in einen Jungen aus meiner Klasse verknallt, wodurch mir klar wurde, dass ich schwul bin. Mein erster Gedanke dazu war „warum ich?“. Ich hatte schon immer das Gefühl, anders zu sein, und dachte, dass dadurch alles noch komplizierter wird. Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen und wurde häufig auf der Straße oder in der Schule aufgrund meiner vermeintlichen Sexualität angepöbelt. Zunächst outete ich mich vor meinen engsten Freundinnen, die das sehr gut aufnahmen. Gegenüber anderen Mitschülern bezog ich nie Stellung, denn ich hatte keine Lust auf die Konfrontation. Mit 18 hatte ich schließlich meinen ersten Freund, was auch der Anlass war, mich vor meiner Familie zu outen. Nach dem Abitur zog ich nach Köln, was mir in der Auslebung meiner Sexualität sehr half. Aber auch hier kommt es vor, dass ich auf der Straße schräg angeschaut oder angesprochen werde. Mir ist sowas sehr unangenehm und ich habe keine Lust auf das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Deshalb würde ich beispielsweise auch nie händchenhaltend mit meinem Freund durch die Stadt laufen, einfach weil mir das zu anstrengend ist. Trotzdem kann ich sagen, dass mein Leben durch meine Homosexualität nicht komplizierter geworden ist. Aber es wäre komplizierter geworden, wenn ich versucht hätte, mich und meine Sexualität zu verstellen.

Franzi, 15 und 25 Jahre

Ich spiele seit meinem fünften Lebensjahr Geige. Meine Familie ist sehr musikalisch und ich wurde stark in diese Richtung gefördert. In der Pubertät hatte ich aber eine Phase, in der ich überhaupt keine Lust mehr hatte. Meiner Mutter war es sehr wichtig, dass ich jeden Tag übe. Also nahm ich mich beim Proben mit dem Handy auf und spielte die Aufnahme manchmal ab, um meine Mutter glauben zu lassen, dass ich üben würde. Stattdessen telefonierte ich heimlich mit meinen Freundinnen. So eine Phase hatte aber wohl jeder mal und ich bin sehr froh, dass ich sie
überwunden habe. Denn nun studiere ich Geige und kann mir ein Leben ohne die Musik nicht vorstellen. Ich übe täglich ungefähr sechs Stunden und es macht mir Spaß.

Vincent, 18 und 25 Jahre

Zu der Zeit, als das Foto entstanden ist, lernte ich meine damals beste Freundin kennen, denn wir hatten ein paar Kurse zusammen. Während der Oberstufe hatte ich das Gefühl, dass sich daraus mehr entwickeln könnte und wir fingen an, uns zu daten. Nach dem Abitur machte ich eine Weltreise, weshalb zunächst keine Beziehung entstand. Als ich wieder in Deutschland war, hatte sie einen festen Freund und wir waren weiterhin gute Freunde. Doch nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt hatte, entwickelte sich relativ schnell wieder mehr zwischen uns. Nun sind wir seit über einem Jahr zusammen, und ich glaube, dass eine enge Freundschaft die beste Voraussetzung für eine Beziehung ist.

Antonia, 15 und 25 Jahre

Mit 15 habe ich bereits gewusst, dass ich einmal Ärztin werden möchte. Meine großen Cousins, damals mitten im Medizinstudium, erzählten mir manchmal von ihren wochenlangen Lern- Sessions. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals so viel auswendig zu lernen, oder überhaupt so lange am Schreibtisch zu sitzen. Heute weiß ich, dass es geht. Schließlich weiß ich, wofür ich es mache. Ich bin jetzt im letzten Jahr meines Studiums, das Praktische Jahr, und werde unter Anderem in Österreich und Namibia arbeiten. Ich freue mich auf die neuen Herausforderungen und Möglichkeiten, die mir mein Studium bietet und bin gespannt darauf, wo ich in einem Jahr leben und arbeiten werde.

Consti, 18 und 28 Jahre

Ich war richtig schlecht in der Realschule und einfach nur froh, als die zehnte Klasse vorbei war. Danach fing ich eine Lehre in der Hauswirtschaft an, weil ich nicht wusste, was ich sonst machen soll. Auf dem Rückweg von meinem ersten Tag dort traf ich einen Kumpel, der mir sagte, dass ich in der Fachoberschule für Gestaltung aufgerufen wurde. Das konnte ich garnicht glauben, denn ich hatte mich zwar dort beworben, aber keine Rückmeldung erhalten. Also rief ich dort an und erfuhr, dass ich tatsächlich angenommen wurde. Das war das Beste, was mir passieren konnte. So musste ich doch keine Tische eindecken, sondern hatte das erste mal Spaß in der Schule. Nach meinem Abschluss machte ich eine Ausbildung als Industriemechaniker und zurzeit schreibe ich meinen Master in Wirtschaftsingenieurwesen. Das hätte ich mir nach meiner Schullaufbahn wahrscheinlich selbst nicht zugetraut und ich bin froh, nie aufgegeben zu haben.

Alena, 14 und 24 Jahre

Damals stellte ich mir vor, dass ich mal im kreativen Bereich arbeiten möchte. Modedesign fand ich sehr interessant, aber nach meinem Schulpraktikum bei einem Modedesigner in Manchester hatte sich dieser Traum erledigt. Es machte mir überhaupt keinen Spaß, was vielleicht auch daran lag, dass ich die ganze Zeit Klamotten sortieren musste. Ich fühlte mich nicht wohl in der Branche. Jetzt mache ich etwas ganz anderes: Ich studiere Mathe. Das hätte ich mir in der Pubertät niemals vorstellen können, aber im Endeffekt war ich schon in der Schule immer gut darin und es macht mir Spaß. In meinem Studium gibt es nur sehr wenige Frauen und irgendwie bin ich auch stolz darauf, mich zwischen den Männern behaupten zu können.

Naomi, 13 und 28 Jahre

Mit 13 hatte ich überhaupt keinen Bock auf Schule und sehr schlechte Noten. Ich bin Legasthenikerin und hatte große Probleme im Schulalltag. Die Lehrer verstanden nicht, wieso meine mündliche Beteiligung so viel besser war, als meine Klassenarbeiten. Mir wurde das Gefühl vermittelt, dass ich dumm sei, weil ich nicht vernünftig Schreiben und Lesen konnte. Dabei habe ich einen IQ, der über dem Durchschnitt liegt. Schließlich wechselte ich von der Gesamtschule auf eine Haupt- und Realschule, brach die Schule letztendlich aber ohne Abschluss ab. Erst später fasste ich den Entschluss, dass ich mich nicht durch meine Legasthenie und die Vorurteile anderer Menschen unter kriegen lasse. Also holte ich den Realschulabschluss nach, machte eine Ausbildung als Sozialassistentin und anschließend als Heilerziehungspfegerin mit Fachabitur. Jetzt studiere ich Heilpädagogik und arbeite gerade an meiner Bachelorarbeit. Endlich wird meine Legasthenie anerkannt und es wird sich um Inklusion bemüht, auch wenn es leider noch nicht vollkommen funktioniert und ich immer wieder neue Herausforderungen bewältigen muss.

Frido, 16 und 28 Jahre

Früher waren mir materielle Dinge sehr wichtig. Ich trug Markenklamotten, interessierte mich sehr für Autos und stellte mir für meine Zukunft eine steile Karriere vor. Mittlerweile liegt mein Fokus woanders, mir geht es vielmehr um Erlebnisse als um Dinge. Beispielsweise habe ich mir zusammen mit meiner Freundin einen alten VW Bus gekauft, mit dem wir immer wieder neue Länder erkunden, statt in teure Hotelanlagen zu fiegen. Auch berufich ist es mir wichtig, dass ich einer sinnvollen Tätigkeit nachgehe, die ich mit meinen Werten vereinbaren kann. Ich habe Maschinenbau studiert und arbeite nun als Projektingenieur in einem innovativen Startup.

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