Himba

Reportagefotografie und Reisebericht
Veröffentlicht auf bento und Spiegel Online, Dezember 2016

Stell dir vor, deine Eltern heißen nicht Peter und Sabine, sondern Uamangua und Kaljeljete. Du wohnst nicht in einer Wohnung, sondern in einer Hütte aus Lehm und Ästen. Das Klingeln deines Weckers reißt dich nicht aus dem Schlaf, sondern ein Hahn. Die Ziegen müssen gemolken werden.

Mein Auslandssemester in Kapstadt ist gerade vorbei. Jetzt ist eine Freundin aus Deutschland zu Besuch: Wir haben uns ein Auto gemietet und fahren drauf los. Auf der Suche nach Natur und Freiheit, nach Menschen und deren Geschichten.

Lange war der afrikanische Kontinent ein großes Fragezeichen in meinem Kopf. Oder auch: der Inbegriff für ganz weit weg. Da ist es heiß. Und arm. Malaria gibt es. Und Aids. Und ganz viele wilde Tiere. Das habe ich gehört. Aber was heißt das überhaupt – „weit weg“? Weit weg von meiner Wohlstandsblase, meinem Alltag.

Ich weiß, dass ich Glück habe. Ich habe keinen Krieg erlebt, keine Gewalt, ich hatte nie Hunger. Und wenn ich krank bin, gehe ich zum Arzt. Mit meinem deutschen Reisepass darf ich so viele Länder bereisen wie mit keinem anderen. Nichts musste ich dafür tun, ich bin einfach nur am richtigen Fleck der Erde geboren worden.

Was passiert außerhalb meiner Komfortzone? Außerhalb von dem, was ich für normal empfinde – aber für die meisten Menschen dieser Erde alles andere als normal ist.

2213 Kilometer später: Wir sind in Namibia, ganz im Norden, fast schon Angola. Die Sonne scheint, die Luft ist staubig. Der Ort Opuwo besteht aus einer Straße, in den zwei kleinen Supermärkten erledigen Frauen ihre Einkäufe. Sie gehören zum Volksstamm der Himba: Halb nackt, mit rot eingecremter Haut stehen sie zwischen Dosenmais und Reissäcken. Draußen behindert eine Kuh die Weiterfahrt eines Geländewagens. Drumherum das große Nichts: die Wüste des Kaokolandes.

Stimmt, hier ist es heiß. Auch die wilden Tiere begegnen uns durch unzählige Elefanten, Zebras und Giraffen. Und ja, Armut gibt es hier, aber auch Reichtum. Nur dazwischen ist nicht viel. Und hier im Norden gibt es auch Malaria. Aids ist auch ein Problem. Aber damit ist die Schublade nicht voll. Hier gibt es noch viel mehr. Es gibt Menschen, die hier leben. Menschen, für die das hier nicht „weit weg“, sondern „zu Hause“ ist.

„Moro!“ begrüßt uns der Dorfälteste im 15 Kilometer entfernten Himba-Dorf. Fünf Frauen sitzen auf dem Boden, Kinder rennen herum. Die Männer sind den ganzen Tag mit den Rinderherden unterwegs. Eine der Frauen ist Uakeya. Mit ihren 22 Jahren ist sie ein Jahr jünger als ich, sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Ich setze mich zu ihr.

Ich sehe Uakeyas Leben: das Dorf, die Kinder, die Tiere. Immer ein anderes Kind trinkt an ihrer Brust. Mit geradem Rücken sitzt sie dort und blickt mir direkt in die Augen. Sie wirkt stolz, fast königlich. Das ist ihr Revier: ihre Kultur, ihre Tradition.

Wieso ich denn nicht verheiratet sei, fragt Uakeya. Ob ich keine Kinder möchte. Dass ich alt werde. Ich sage, dass ich doch noch jung bin. Ich bin noch nicht mal fertig mit dem Studium. Irgendwann möchte ich Kinder, aber nicht jetzt. Ich habe einen Freund, aber wir sind nicht verheiratet. Er ist in Deutschland. Auch mein Nasenpiercing irritiert Uakeya. Was das bedeutet? Nichts, ich finde es schön.

Bei der aufwändigen Aufmachung der Himba-Frauen hat jeder Schmuck und jedes Kleidungsstück einen symbolischen Charakter. Beispielsweise tauscht ein Mädchen, sobald es seine Periode bekommt, das Tuch an der Hüfte gegen ein Fell aus. Zudem werden Haut und Haare mit einer roten Paste, bestehend aus Tierfett und Ockerfarbe, eingecremt. Die Mädchen haben die Haare als zwei ins Gesicht fallende Zöpfe geflochten, die Jungs tragen einen Zopf nach hinten.

Der Anblick der Frauen ist für mich dermaßen exotisch, dass ich aufpassen muss, nicht ins Starren zu geraten. Gleichzeitig ist die Aufmachung eine Art Uniform, die die Stammeszugehörigkeit präsentiert und strengen Regeln folgt. Ein Mann sieht hier sofort, ob es sich um eine zeugungsfähige und heiratswillige Frau handelt.

Bei den Himba gibt es klar strukturierte Geschlechterrollen. Ein Mann kann mehrere Frauen heiraten, manche haben bis zu 40 Kinder. Eine Frau hat aber immer nur einen Mann. Ob Uakeya das nicht komisch findet, frage ich. Erstaunen: Nein, wieso. Der Mann wird wertvoller, umso mehr Kinder er hat. Außerdem: Was soll daran blöd sein, wenn eine ihrer Freundinnen ihren Mann heiratet? Dann können sie sich gemeinsam um Kinder und Hütte kümmern. Ob sie denn dann nicht auch gerne noch einen Mann heiraten würde, fragt die Feministin in mir. Nein, dafür hätte sie keine Zeit, ist die trockene Antwort.

Uakeya und Annika: Zwei Frauen im gleichen Alter auf unterschiedlichen Kontinenten der Erde. Zwei Geschichten, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Was wäre wohl passiert, wenn Uakeya in Deutschland aufgewachsen wäre? Wer wäre ich, wenn ich als Kind im Himba-Dorf geboren worden wäre? Wie würde ich denken? Was wären meine Werte?

Wir dürfen über Nacht bleiben. Am Abend taucht die Sonne das Dorf in goldenes Licht. Die Kinder melken die Ziegen. Im großen Kreis wird noch lange gesungen und getanzt. Danach ist es still.

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